Freitag, 27. Mai 2016

Der Garten meiner Kindheit ...und wie ich den Tod meines Vaters verarbeitet habe



Dies ist der persönlichste Blogpost, den ich in den letzten 5 Jahren verfasst habe.
Etwas nieder zu schreiben finde ich oft sehr befreiend, und als ich vor ein paar Tagen
meine Mutter besucht, und wir zusammen in ihrem liebevoll gepflegten Garten gesessen
haben, wusste ich, dass ich nun bereit bin für diese Geschichte - 
die traurig, aber auch tröstlich ist.


Alle Bilder habe ich spontan mit meinem iPhone gemacht, und dabei kamen
mir diese Gedanken und Erinnerungen, die ich hier für euch aufschreibe. 
Wer nicht weiterlesen möchte, den verstehe ich vollkommen. Aber wer schon einen Elternteil
verloren hat, findet hier vielleicht auch Verständnis und etwas Trost, denn auch wenn man 
erwachsen ist, ist das ein so einschneidendes Erlebnis.



Im Juni jährt sich der Todestag meines Vaters zum 8.Mal.
Er hat so gerne im Garten gesessen - aber Gartenarbeit gehasst, auch Rasenmähen
war ihm ein Greuel. Den grünen Daumen hat eindeutig meine Mutter.



Mein Vater ist 1934 geboren, als zweites Kind einer sehr liebevollen Mutter, die leider
starb, als er 8 Jahre alt war. Nach kurzer Zeit heiratete sein Vater erneut, und es kam eine
Stiefmutter mit zwei eigenen Töchtern ins Haus. Heute würde man Patchworkfamilie dazu sagen.
Mein Vater wurde fortan für alles verantwortlich gemacht, was nicht gut lief, und er bezog
jeden Abend Prügel von seinem eigenem Vater, der nur zu gern den Klagen seiner neuen
Frau glaubte. Das ging, bis er 16 war, und sein Vater eine Axt nach ihm warf.

Statt zur Schule fuhr mein Vater am nächsten Tag heimlich zum Bahnhof, 
kaufte sich eine Fahrkarte nach Hamburg und fuhr mit dem nächsten Schiff 
nach Amerika zu einem Verwandten seiner verstorbenen Mutter. 
Diese Reise war natürlich viel abenteuerlicher und langwieriger, als ich
es hier schildern kann, aber es war in meinen Augen wahnsinnig mutig. Und für ihn
der einzige Weg, zu überleben. Sein Vater gab dem Onkel schnell die Erlaubnis, meinen Vater
bei sich zu behalten, "er brauche nie mehr zurück zu kommen". Und dann fing eine tolle Zeit an, 
jeden Abend schlich sich mein Vater ins Kino, um schnell Englisch zu lernen. Er machte einen
guten Schulabschluss und wurde Kameramann bei der Air Force, und bereiste die ganze Welt.



Ich glaube, dass ich von ihm die Liebe zur Fotografie geerbt habe, und auch ein bisschen
"das Auge", wie ein gutes Bild entstehen könnte. 
Und seinen, manchmal rabenschwarzen, Humor.

Mit 22 kam mein Vater kurz nach Deutschland auf Heimaturlaub, um seine Großmutter zu besuchen.
Dafür mietete er sich den dicksten Mercedes, den er kriegen konnte, und schaute auch kurz
bei seinem Vater vorbei. Das Verhältnis blieb aber auf sehr seltene, kurze Kontakte beschränkt.
In diesem Urlaub stellte meine Großmutter väterlicherseits meinem Vater die Tochter einer
guten Freundin (meiner Großmutter mütterlicherseits) vor. Meine Mutter war 17,
und verliebte sich sofort in diesen coolen Amerikaner mit dem schicken Auto. Und er sich in sie.

Er hatte die amerikanische Staatsbürgerschaft bekommen, und sie auch nie mehr abgelegt, 
obwohl er mit 26 wieder endgültig nach Deutschland zog, um meine Mutter zu heiraten. 
Wir mussten immer lachen, wenn er alle paar Jahre zur Botschaft nach Frankfurt fuhr, 
um sein Visum für Deutschland verlängern zu lassen.



Meine Vater war der außergewöhnlichste, lebenslustigste und witzigste Mensch, 
den ich je kennengelernt habe. Obwohl er eine wirklich brutale Kindheit erlebt hatte, 
war er so positiv und fröhlich, mir gegenüber immer sehr geduldig,
und konnte mir kaum etwas abschlagen. Genau wie später seiner Enkelin.

Er war sehr beliebt, und gab auch gerne mal den Alleinunterhalter auf Parties -
oft zum Ärger meiner Mutter. Wenn er sich aber bei einer Einladung langweilte, zog er einfach
seine Schuhe aus, lehnte sich gemütlich in einem Sessel zurück und schlief ein bisschen -
inmitten der anderen Gäste.

Für ihn konnten Hobbies nicht groß genug sein, er liebte es, auf Trödelmärkten vermeintliche
Schnäppchen zu ergattern und weiter zu verkaufen. Er hatte zeitweise acht MG's,
und zwei alte Rolls Royce, an denen er herumbastelte, selten damit fuhr, und schliesslich
irgendwann weiter verkaufte. 



Mein Vater liebte das Leben, meine Mutter - und gutes Essen.
Das war ihm immer sehr wichtig. Und viel musste es sein, vor allem Fleisch. Und Desserts.
Er rauchte gerne Zigarren, später Pfeife.

Mit 57 erlitt er im Hochsommer auf einem seiner geliebten Trödelmärkte einen
schweren Herzinfarkt. Er überlebte ihn, was für die Ärzte ein wahres Wunder war.
Dabei wurde eine sehr schwere Diabetes festgestellt, die sich trotz regelmäßiger Insulinspritzen
kaum einstellen ließ. Mein Vater erholte sich schnell und lebte sein altes Leben weiter -
ganze 16 Jahre lang.
Ich war oft sauer auf ihn und warf ihm seine ungesunde Lebensweise vor.
Seine Antwort war stets: 
"Wenn du dran bist, bist du dran. Und ich bin noch nicht dran!"



Ich habe meinen Vater in meinem ganzen Leben nur zweimal weinen sehen.
Einmal, als er meine Tochter zum ersten Mal im Arm hielt.
Das zweite Mal, als ich ihn im Krankenhaus besuchte, und er soeben erfahren hatte,
dass er Darmkrebs und Lebermetastasen hat. Seine größte Sorge war, 
wie er das nur meiner Mutter sagen soll.
Seinen Satz "vielleicht habe ich noch einen schönen Sommer oder zwei..." 
zog mir den Boden unter den Füßen weg....ich habe versucht, ihn aufzumuntern, 
wir würden doch auf jeden Fall zusammen die Fußball EM schauen.
Das war im November 2007. Am 6. Juni 2008 ist er gestorben, 
Einen Tag vor Beginn der EM. Mit 73. Viel zu früh.

Die Zeit nach seiner Diagnose habe ich erlebt, wie durch Watte. 
Natürlich bekam er eine Chemotherapie, wir haben uns damals viel davon versprochen. 
Es gab auch immer wieder Ärzte, die einem sagten, sie kennen Patienten, 
die hätten damit noch 4 Jahre gelebt.
Aber mein Vater war bereits angezählt. Seine Diabetes hatte ihn seine Sehkraft gekostet,
an Auto fahren war nicht zu denken, seine Füße waren blutig, er konnte nicht mehr richtig
laufen, Wunden wollten nicht mehr heilen. Die Chemo gab ihm den Rest, er wurde so dünn,
konnte nichts mehr bei sich behalten.



Er sprach nie über den Tod. Nicht mit mir. Schon gar nicht mit meiner Mutter.
Beide machten einfach weiter, als wäre nichts. Das konnte ich damals nicht verstehen.
Heute weiß ich aus Gesprächen, dass viele Paare das genauso handhaben. 
Weil es nichts zu besprechen gibt. Weil der Tod erst dann da ist, wenn man über ihn spricht. 
Wenn man ihm Raum gibt. Oder wenn er sich ihn einfach nimmt.

Der Sommer kam, und mein Vater saß oft in der Sonne in seinem Stuhl. Es war schön, als würde alles
einfach so weitergehen. Er schlief auch viel im Wohnzimmer auf dem Sofa. Ich hatte immer Angst,
ihn anzusprechen...weil er vielleicht nicht antworten würde... es nicht mehr könnte.
Anfang Juni brach er im Flur zusammen, und wir riefen einen Krankenwagen.
Im Krankenhaus nahm der Internist uns beiseite, und erklärte uns, dass die Leberwerte
1000fach erhöht seinen. Meine Mutter wollte das nicht hören, seine Ärztin sei sehr zufrieden
mit all seinen Werten. Der Arzt sagte, "wir reden hier nicht mehr über Wochen..."



Mein Vater schlief im Krankenhaus nur noch, er bekam ja auch einen netten Infusions-Cocktail.
Machte kaum die Augen auf, wenn man ihn ansprach. Hatte glücklicherweise gar keine Schmerzen. 
Er fragte nach seiner Schwester. Das erschreckte mich, 
denn das Verhältnis der beiden war nicht eng gewesen, sie hatte ihm seine Flucht
nach Amerika nie wirklich verziehen. Aber sie besuchte ihn im Krankenhaus.

Meine Tochter hatte bald ihren Abschluss in der Realschule, und wir beide fuhren los, 
ihr ein schönes Kleid kaufen, sie wollte unbedingt ein schwarzes. 
Der Tag war sehr anstrengend gewesen, und so entschieden wir, den Opa erst am nächsten Morgen 
wieder zu besuchen. Um 23 Uhr rief meine Mutter an, das Krankenhaus hätte angerufen.
"Papa ist tot." Immer wieder, nur diesen einen Satz.
Wir drei Frauen, drei Generationen, fuhren zu ihm. Jede verabschiedete sich alleine von ihm.
Ich hatte kurz überlegt, meiner Tochter zu verbieten, ihren toten Opa zu sehen.
Es ihr zu ersparen. Aber sie war 16 und wollte es unbedingt.
Dieses Bild bin ich Jahre nicht losgeworden.

Die Nacht habe ich bei meiner Mutter auf der Couch verbracht. 
Bin eingeschlafen, aufgewacht, und habe nur geschrien. Immer wieder.

Meine Mutter hat nur geweint, konnte nichts tun, nichts entscheiden.
Die Beerdigung habe ich organisiert, wie durch einen Nebel.
Und hatte einen Satz meines Vaters im Kopf - das Wichtigste ist die Party!



Am Tag der Beisetzung goß es in Strömen. Ich hatte nur ein Paar schwarze Schuhe -
offene Riemchensandalen mit Absatz. Völlig unpassend, 
aber mein Vater hätte diese Schuhe an mir geliebt. Also trug ich sie.
Meinem Vater war immer egal gewesen, was andere über ihn dachten, 
und ich fühlte mich durch diese Schuhe mit ihm eng verbunden.
Und ich trug trotz Regens meine Sonnenbrille,
wollte mit mir und meinem Schmerz alleine sein, das ging niemanden etwas an.
Es kamen sehr viele Leute zum Gottesdienst, und viele weinten. Der Pfarrer, der meinen Vater
gut gekannt hatte, obwohl der nie in die Kirche ging, hielt eine unglaublich persönliche Rede.
Dafür war ich sehr dankbar. Jemandem die letzte Ehre zu erweisen, ist sehr wichtig, 
und es bedeutet den trauernden Angehörigen unendlich viel. Das weiß ich jetzt.
Wer vor der Entscheidung steht zu einer Beerdigung zu gehen oder nicht -
geht hin. Nicht für den Verstorbenen, aber für die, die weiter leben (müssen)!

Warum ich das alles hier aufschreibe?
Weil es mir im Laufe der Jahre eine andere Sicht auf den Tod gegeben hat.

Mich haben viele Selbstvorwürfe geplagt, als mein Vater gestorben war.

1. Ich wusste um die ungesunde Lebensweise meines Vaters, die er trotz Herzinfarktes und 
Diabetes nicht änderte. Er hörte nicht auf uns und seine Ärzte. 
Er nahm das Risiko billigend in Kauf, das war seine ureigene Entscheidung 
als erwachsener Mensch - und niemand anders als er selbst,
hätte das vielleicht verhindern können. Ich war wütend, dass er so gelebt hatte, wie er es wollte -
und uns mit den Scherben alleine ließ. Aber genau das ist es, womit wir fertig werden müssen.
Die Lebensweise geliebter Menschen akzeptieren, mit all ihren Konsequenzen. Auch, wenn's weh tut.


2. Niemand war bei ihm, als er starb.
Mittlerweile bin ich der Überzeugung, das das dann einfach genau so sein sollte.
Es passte zu ihm, dass er diesen letzten Gang mit sich selber ausmacht.
Ohne störendes "Gebabbel und Geheule seiner Frauen", hätte er gesagt.

Ich war dabei, als mein Großvater mit 90 gestorben ist, er hat mir ins Gesicht gesehen, 
ich hielt seine Hand, und es war sehr friedlich, genauso sollte es (für ihn) sein.
Meine Oma ist gestorben in den Armen meiner Mutter, und nicht als alle Familienmitglieder
um ihr Bett sassen, sondern als sie mit ihrer Tochter alleine im Raum war.

3. Hätte ich ihm noch vieles mehr sagen sollen, wie lieb ich ihn hatte,
was für ein toller Vater und Großvater er uns war? 
Könnte ich noch einmal mit ihm sprechen, nur einmal.
Nein, es war alles zwischen uns gesagt. Mein Vater war, wie ich, 
ein eher nüchterner Mensch, den allzu viel Emotionales eher nervte.

Die ersten Jahre war ich wütend auf andere Senioren, die nur nörgelten, und ihr Leben
offenbar gar nicht zu schätzen wussten. Wütend auf alle, die lebten und uralt wurden.

Dann zog es mir einmal den Boden unter den Füßen weg, als ich beim Einkaufen einen Mann sah,
schlaksig in Jeans, mit viel zu weiten Hosenbeinen und blauer Kappe auf. 
Er füllte einen Lottoschein aus und ich ging zu ihm. 
Mein Vater hatte 30 Jahre lang Lotto gespielt. 
Der fremde Mann lächelte mich freundlich an, und mir war, 
als wollte er mir etwas sagen....was er natürlich nicht tat.

Meine Mutter hat im Laufe der Jahre viel Kraft bewiesen. Hat sich neue Freunde gesucht,
hat Urlaub gemacht, hat Freude an ihrem Garten und lacht auch gerne!
Ich hätte niemals gedacht, dass sie ohne ihren Mann, mit dem sie über 50 Jahre zusammen war,
überhaupt weiterleben könnte. Aber sie hat mir nach der Beerdigung einen sehr wichtigen
Satz gesagt: Später ist jetzt! Warte nicht immer auf etwas. 



Ich vermisse meinen Vater jeden Tag. Als ein Jahr nach seinem Tod vergangen war,
startete ich ein neues Projekt: ich wollte mich wieder verlieben. 
Wie meine erste Ehe endete, habe ich ja bereits im Alptraumhaus-Post beschrieben ;o)
Danach hatte ich keine wirklich längere, gute, ernste, schöne Beziehung, ich hatte die 
Hoffnung eigentlich aufgegeben.

Aber ich wollte mein Leben ändern, nicht weiter so vor mich hindümpeln.
Also meldete ich mich bei einem Dating-Portal an. Mein Vater hätte viel Freude an seiner
plötzlich lebenslustigen Tochter jenseits der 40 gehabt - das kann ich euch sagen.
Darüber könnte ich ein Buch schreiben, es war ein unglaublicher Sommer - 
und ich fühlte mich plötzlich wieder lebendig!
Ich habe meine Dates immer zu einem Hundespaziergang getroffen. Das war ungefährlich, 
und ich wusste schnell, ob der jeweilige Kandidat tierlieb und gut zu Fuß ist -
beides wichtige Kriterien. 
Am Ende des Sommers 2009 traf ich ihn - den Einen!
Ich habe ihm in seine lustigen braunen Augen gesehen, und wusste, er ist es!
Wir sind seit 4 Jahren glücklich verheiratet. Mein Vater würde ihn auch lieben,
da bin ich mir sicher. Und ihm das größste Kompliment machen:
"Dat is' ein lieber Jung!"

Und ganz insgeheim glaube ich, dass mein Vater vielleicht ein bisschen Schicksal gespielt hat,
damit ich endlich mal aus dem Quark komme...Papa, da reden wir irgendwann drüber!;o)
 

 *


Ich gehe nie zum Friedhof, nie zu seinem Grab, ich habe nicht das Bedürfnis danach.
Für mich ist er da nicht. 
Ich denke sehr oft an ihn, mittlerweile kann ich gut über ihn sprechen, ohne zu weinen.
Trauer und der Umgang damit ist so individuell, wie der Mensch selber,
und man sollte jedem Trauernden dies auch respektvoll zugestehen.


Mein größter Trost ist die Gewissheit, dass
mein Vater genau das Leben geführt hat, das er wollte.
Und es war ein schönes Leben.

*


Ich freue mich über jeden, der bis hierhin durchgehalten hat.
Ich danke euch, und drücke euch feste aus der Ferne!

Eure Salanda